PAULINA CZIENSKOWSKI

 

JOURNALISTIN & AUTORIN

BLOCK MAGAZIN

DIE SACHE MIT DEN AUTOS

Tag eins

 

Einen Hügel, sie brauchen einen Hügel. Aber sie sind irgendwo in Brandenburg. Da gibt es nun mal nur platte Wiesen. Überall. Zu dritt sitzen sie schon seit zwei Stunden in diesem nigelnagelneuen Range Rover. Hin und her. Hin und her. Nichts. Kein Hügel. Nur triste Dörfer, in denen man gruselige Krimis drehen könnte.

 

Im Auto: der Kameramann, der Typ für den Ton und die Protagonistin. Sie sieht aus wie eine Minderjährige hinterm Steuer. Sie ist fast 30. Ja, geil, sagt ihr Chef immer, wenn er an dieses schiefe Bild denkt. „Junges Mädchen in fettem Auto. Is' geil! Einfach machen!“ Während er das sagt, liegen seine Füße auf dem Tisch, der in der Mitte eines gläsernen Bürokastens steht, welcher sich wiederum in der Mitte eines riesigen Großraumbüros mit Glaskuppel befindet.

 

Hü-gel. Hü-gel. Wir brauchen einen Hü-gel. Hü-GEIL. Hü-GEIL. Wir brauchen einen Hü-GEIL.

 

Nichts.

 

Ihr Telefon klingelt.

 

Und, wie fährt sich die Karre, LS?

 

Es ist ihr Chef. LS – eigentlich heißt sie Lois Sander. Er versucht die beiden Buchstaben, immer in besonders coolem amerikanischen Englisch auszusprechen. Dabei klingen sie in beiden Sprachen fast gleich. L, S. L, S. Irgendwann kam er plötzlich mit Anzug und bunten Turnschuhen in die Redaktion, seither nennt er sie so.

 

Einer ihrer Kollegen hat den Chef neulich heimlich fotografiert und mir geschickt. Eigentlich nur seine Schuhe. Als er am Stehtisch die große Konferenz abgehalten und mal wieder mit ausladenden Bewegungen über den Erfolg seiner Zeitung gesprochen hat. Dabei klingt seine Stimme immer doppelt knödelig.

 

Fährt sich gut der Jeep. Nur finden wir nirgends Gelände.

No problem, LS. Einfach machen! Du in dem Wagen. Geil. Das wird supergeil!

 

Und dann kommen sie doch noch ganz unerwartet: Hügel! Sie rasen auf eine Art Kiesgrube mitten im Nichts zu. Tatsächlich. Hinter der Einfahrt durch das Gitter eröffnet sich ein wahres Paradies zum Testen von Geländewagen. Sand, Steine, Abhänge.

 

Ton? Test – Test.

Jo.

Weißabgleich?

OK, los.

 

Exakt eine Minute und sieben Sekunden bleiben ihnen, bis ein Mann in einem gelben Bagger plötzlich durchs Bild fährt, stehen bleibt und seine Hand mahnend aus dem kleinen Seitenfenster hebt. Ohne ihn zu beachten, rasen sie vorbei. Sie sind ja auch mitten in den Aufnahmen. Er brüllt empört und offenbar sehr laut. Seine tiefe Stimme dringt durch das Motorengeräusch, die massive Karosserie und den aufwirbelnden Schotter. Abrupt bremsen sie ab, tuckern mit deutlich verminderter Geschwindigkeit zurück. Fenster runter.

 

Sag mal, tickt ihr noch ganz richtig? Ich ruf gleich die Bullen. Verschwindet! Aber zackig.

Wir dachten –

Lieber nich denken! Glauben Sie das hier is’n Spielplatz? Ich arbeite hier.

Wir arbeiten –

Sie und Arbeit. Sie sehen aus wie frisch geschlüpft. Haben Sie überhaupt schon die Pappe?

Ich –

LOS, RAUS HIER! Und machen Sie das scheiß Teil da aus. Filmen Sie mich gefälligst nich’!

 

Und wieder hebt er seinen Arm. Diesmal deutet er dabei eine Backpfeife in Zeitlupe an. Wie ein Mafioso sagt er mit eindringlichem Zischen, synchron zur Handbewegung: „BAAAAAMMM!“ Ohne ein weiteres Wort legt er den Gang ein. Zack, zack, betont ruppig.

 

Auf dem Rückweg in die Stadt sehen sie auf einem Abhang neben der Autobahn eines dieser unfassbar großen Windräder. 70 Grad Steillage sind das schätzungsweise da oben. Noch ein Versuch? Sie stellen das Auto direkt am Betonklotz ab, auf dem das Rad steht. Nur geht jetzt die Tür nicht mehr auf. Die Schwerkraft macht alles so! schwer! Immer wieder knallt die Tür zu. Beim vierten Versuch klemmt sich Lois mit voller Wucht ihren Finger ein. Auch geil. „Danke, das war’s“, sagt sie in die kleine Kamera, die auf der mit Leder überzogenen Armatur steht.

 

 

Tag zwei

 

Der Mann im Autohaus guckt sie verwundert an, als sie ihm die Hand gibt.

 

Guten Tag.

Hallo. Guten Tag.

Wir sind verabredet.

Ja? Ah, ja.

Lois Sander. Ich bin hier, um den Rolls Royce Wraith abzuholen. Wir hatten telefoniert.

Ja, genau. Ich bräuchte mal Ihren Führerschein – den muss ich kopieren. Setzen Sie sich doch, ich hole eben die Papiere und den Schlüssel, bin gleich wieder da. Kaffee, Tee? Wasser?

 

Er wirft einer Frau in dunklem Kostüm einen auffordernden Blick zu. In ihren hohen Schuhen trippelt sie zu ihr, stellt noch mal dieselbe Frage.

 

Kaffee, Tee? Wasser?

Cola?

 

Mit der kleinen Glasflasche in der Hand schlendert Lois durch den Ausstellungsraum. Sie trägt einen fast bodenlangen Mantel. Damit sieht sie aus, als wäre sie gerade mal ein Meter fünfzig groß. Nur ihr winziger Kopf schaut oben raus. Unten die dicken, weißen Turnschuhe. Auf dem polierten Boden im Autohaus quietschen die klobigen Gummisohlen. Sie setzt sich nicht, läuft lieber zwischen den Autos hin und her. So viele Nullen stehen da auf den Verkaufsschildern. Sie zählt sie flüsternd. Ihre Stimme hallt zwischen den glänzenden Fahrzeugen und den eigenen Schritten. Bei jedem weiteren eine Null mehr. Schritt, eins, Schritt, zwei, Schritt, drei. Und so weiter. Die Frau am Stehtisch beobachtet sie kritisch, wie sie da so ihre Runden dreht und gedankenverloren im Rhythmus ihrer Schritte zählt.

 

SIE-ben und DREI-ßig.

 

Der Mann kommt zurück.

 

Alles okay?

Ja ja, ich habe nur mit mir selbst gesprochen.

Alles klar. Hier der Schlüssel. Ich zeig Ihnen noch eben ein, zwei Dinge am Auto, die sie vielleicht wissen sollten für ihr Filmchen. Sie müssen nichts irgendwo reinstecken.

Wie bitte?

Na ja, Sie müssen den Schlüssel nur bei sich tragen – dann können sie den Wagen öffnen und starten, ohne aufzuschließen Beim Anlassen müssen Sie einfach nur diesen Knopf hier drücken.

Okay.

Den Kofferraum bekommt man auf, indem man seinen Fuß unter das Heck hält.

So?

Nein. So. Sie müssen nur –

Ah.

Und sollten Sie tatsächlich einparken wollen ... Hier in diesem Monitor sehen Sie die Rückfahrtkamera. Das Auto ist versichert mit 300.000 Euro Selbstbeteiligung. Und das noch: 2,5 Tonnen schwer, 632 PS, 6,6 Liter auf 100 Kilometer, Zwölfzylinder, der hier kostet circa 285.000 Euro.

Okay.

 

Wieder im Auto: der Kameramann, der Typ für den Ton und sie.

 

Wohin?

 

Ihr Telefon klingelt.

 

Und, wie fährt sich der Schlitten? Beste Vorstellung: LS in einem Wraith.

 

Er präsentiert seinen amerikanischen Akzent in widerwärtiger Perfektion.

 

Geil! Wirst schon sehen. Die Reaktionen werden supergeil. Einfach machen!

Aber die Geschichte fehlt doch.

Neeeeein, das reicht, DU in DIESEM Auto!

 

Die Reaktionen in den nächsten fünfeinhalb Stunden auf “Einfach machen!” in der Stadt: Fick-Bewegung auf der Straße. Blicke ins Fenster, Finger ablecken, dann die Scheibe. Dagegen hauchen, Herz auf die beschlagene Stelle malen. Einen Kratzer mit Schlüssel entlang der gesamten Beifahrertür. So tun, als würden sie die silberne Figurine vorne auf der Spitze der Motorhaube abbrechen. Fotos mit dem Handy – vom Auto, der Felge, ungefragt von ihr im Auto, Selfies vor dem Auto. Mittelfinger. Daumen nach oben. Luftküsse. Aufs Dach klopfen.

 

Und LS, schon ‘nen Unfall beim Einparken gebaut?

 

Ihr Chef, wieder am Telefon. Er lacht laut und lange.

 

Einfach machen, LS. Das wird geil! DU in DIESER Karre. That’s so fuckin’ great!!

 

 

Tag drei

 

Ich LIEBE diesen Wagen. Guck ihn dir an, LS! 600 PS. HALLO??!! Und diese Farbe, unfassbar geil. Das wird ein guter Tag.

 

Sie und ihr Chef stehen gemeinsam in der Tiefgarage des Verlags. Er startet den Wagen, lässt den Motor aufheulen. Sie muss sich die Ohren zuhalten. Die Tiefgarage maximiert die Lautstärke.

 

Ich dachte, du wärst so eine Automieze. Wieso hältst du dir die Ohren zu? Is’ doch geil! So satt, sooo satt. YESSSSSSS.

 

Er macht die Tür auf und lauscht dem röhrenden Auspuff. Er knallt jedes Mal richtig, wenn das Gaspedal den Fußraum berührt. Der Chef schließt seine Augen, als wäre er ein Intellektueller, der seine Lieblingsoper hört.

 

Super geil, zieh dir das rein LS: in 4,4 Sekunden auf 100, Spitzenwert sind 325 Km/h. Ich meine klar, ist eben ein Zwölfzylinder.

 

 

Tag vier

 

Wieder Brandenburg, diesmal in einer silberfarbenen Limousine. Draußen regnet es in Strömen. Seit Tagen schon hört es nicht auf. Die breiten Reifen pflügen sich durch die metertiefen Pfützen, lassen das Wasser zu Fontänen werden. Sie fahren an einen See, machen ein paar Innenaufnahmen. Die Boxen fahren sich automatisch ein und aus. Auch der Aschenbecher. Wow! Verchromte Leisten zwischen –  was noch mal? Sie liest es im Handbuch nach: Eschemaserung-Balsamico-Naturholz. Sie lässt ihren Sitz ganz zurück fahren und erzählt in die Kamera, was sie sonst so weiß. Wow!

 

Ich sitze hier in Dämm- und Akustikglas. Ich habe eine Massagefunktion im Sitz – Rücken, Welle, Schultern, alles. Mein Navigationssystem hier vorne. Vorder- und Rückkamera sieht man da auch auf diesem kleinen Monitor. Das ist übrigens ein TDI. Turbodiesel heißt das. 390 PS. Von 0 auf 100 Km/h in 4,7 Sekunden. Matrix-LED-Scheinwerfer. 95.000 Euro kostet das Ding.

 

Draußen regnet es noch immer. Das Auto versinkt in den Pfützen. Ein Abschleppwagen muss kommen und sie rausziehen.

Als sie wieder in der Stadt ist, ruft Lois den Chef an.

 

Uuuuuund? Wie war es?

Wir sind im Regen versunken. Wir brauchen eine Geschichte!

 

Und dann kommt er doch mit einer Idee:

 

Ich meine, bei dieser super comfy Karre liegt es ja nahe, einen ganzen Tag darin zu verbringen, Wellness machen. Ja, das is’ supergeil: Zieh dir doch einfach einen Bademantel an!

 

 

Tag fünf

 

Porsche, ja, geil!

 

 

Tag sechs

 

12.57 Uhr

 

Guten Tag, Porsche Zentrum Berlin hier. Spreche ich mit Lois Sander? Ich rufe an, um zu fragen, wo denn das Auto bleibt. Es hätte heute um 8.30 Uhr wieder bei uns sein müssen.

Ähm, mein Chef – also eigentlich sagte er mir, er würde den Wagen abgeben, den hatte er sich gestern ausgeliehen nach Feierabend. War er noch nicht bei Ihnen?

Nein, bedauere, deshalb rufe ich ja an.

 

16.34 Uhr

 

Sie sitzt auf der Polizeiwache. Fingerabdrücke. Speichelprobe. Verhör. Ihre Spuren wurden gefunden.

 

Der Chef ist tot. Am Vormittag lag er irgendwo in Brandenburg im Auto, das sie gestern beide noch fuhren. Kein Unfall. Die Kommissare zeigen ihr Fotos von einem Mann in dem Wagen. Ja, das ist er, bestätigt sie. Die Bilder zeigen ihn exaltiert. Der Fahrersitz ist bis zum Anschlag nach hinten gestellt. Mit fast seligem Ausdruck liegt er da. Halb nackt, sein Schritt ist zu sehen. Er trägt diesen weißen Bademantel, den sie neulich trug, und seine bunten Turnschuhe. Sonst nichts. Supergeil, denkt sie kurz, bevor sie verstört die Wache verlässt.

 

 

Titelfoto: Christian Werner

PAULINA CZIENSKOWSKI

 

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