PAULINA CZIENSKOWSKI

 

JOURNALISTIN & AUTORIN

DAS WETTER, AUSGABE #12, JUNI 2017

EUROPA-CENTER

Stillschweigende Nostalgie

 

Früh am Morgen ist es leer auf dem Breitscheidtplatz in Charlottenburg. Nur ein paar dubios wirkende Gestalten stehen vor dem Brunnen. Man hört nicht, was sie reden, ihre Köpfe eng zueinander gedreht. Das Rauschen der Wasserfälle, die durch die abstrakten Marmorgebilde fließen, sind laut. Etwas weiter hinten unter dem Dachvorsprung des Europa Centers, stehen blau-weiß gekleidete Menschen vor dem noch geschlossenen Hertha BSC Fan-Shop. Heute Abend spielt ihre Mannschaft.

 

Daneben reihen sich das Hotel Palace, KFC, eine Wechselstube. Zwei Männer mit kahlem Kopf und robusten Stiefeln trinken am Süd-Eingang Bier aus Plastikflaschen. Sie scheinen immer noch gut drauf von der Nacht. Vielleicht auch schon wieder. Währenddessen bereiten sich die Verkäufer im Einkaufszentrum auf den Tag vor: Fenster putzen, Staub wedeln, Ständer rausschieben. Außer ihnen ist kaum jemand da. Nur im Eiscafé Tiffany’s sitzen zwei Gäste. Wurstgeruch mischt sich mit dem der Kuchen in der Auslage.

 

Mitten in einer Großstadt ist da dieser undefinierbare Klotz mit undefinierbarem Innenleben. Wenn das Leben ist. Aber ja, das ist es. Das Europa Center. Denkmalgeschützt, 1965 eröffnet, seitdem fast unverändert und eigentlich funktionslos. Ein verstummter Protagonist der Hauptstadt, während alles drum herum weiter quatscht. Der Bau passt nicht mehr ins Bild, das voller Urbanität dieses Jahrhunderts kreischt. Wie das Relikt einer Zeit, die es so gar nicht mehr gibt, ist es präsent und trotzdem merkwürdig abwesend. Man liebt oder hasst es. Und eigentlich ist einem der Bau ganz einfach egal.

 

So wirklich da war das Einkaufszentrum in der Zeit vor dem Mauerfall und kurz danach, als der Ort noch ein Treffpunkt von West-Berlinern war. Man fuhr hier Schlittschuhe auf einer Eisbahn, die in der Mitte des Gebäudes lag. Durch das damals offene Dach konnte man dabei direkt in den Himmel blicken. Auf dem rillenlosen Boden fuhr man Rollschuhe und in der „Mini-City“ im Erdgeschoss kaufte man Turnschuhe. Seit Anfang der 2000er tanzen nachts Teenager mit High Heels und Hemd in der im obersten Stockwerk gelegenen Disko mit Fake-Leder-Lounge-Landschaft. Ansonsten ist es hier ruhig für eine Mall mitten in der City-West. Menschen hasten quer über den Platz, am Center vorbei. Das Ziel immer ein anderes.

 

Beim Schlendern durch das Gebäude, fühlt es sich wie eine luftleere Blase an, in der sich die Geschäfte, Restaurants, das Hotel, die Bank und verlassen wirkende Büros verteilen. Auf sagenhaften 80.000 Quadratmetern. Die Zahl klingt nach Größe, Weite und Auswahl. Aber da ist nur dieser extrahierte Mikrokosmos, den man nicht recht versteht. Nicht mehr. Die Läden wirken wie ein ewiger Schlussverkauf. Ramschläden, die mit Prozenten an den Schaufenstern titeln und damit zu sagen scheinen: „Uns gibt es nicht mehr lange, greifen Sie zu!“ Kaum einer hört ihr Schreien.

 

In der Haupthalle weisen schrill leuchtende Pfeile den Weg. Zum Restaurant Kartoffelkiste, zum Chinesen, dem Italiener Allegro, ins Nagelstudio und zum Fruchtgummi-Laden. Einer verkauft Louis Vuitton-Handtaschen. Jede mit einem winzigen Fehler im Design. An einem Ständer  gegenüber hängen Stoffbeutel mit Aufdruck. Berlin – Berlin – Berlin. Die Buchstaben auf den Taschen tanzen, als würden sie sich zur Chart-Musik bewegen und einen ständig daran erinnern wollen, wo man gerade ist. Gleichzeitig singt “Elvis der Bär” aus Plastik scheppernd auf Repeat “Can’t Help Falling In Love”. Am Geländer lehnen Johnny Depp und Angelina Jolie als Schwarz-Weiß-Zeichnungen verewigt zum Verkauf.

 

Dieses entrückte Europa Center liegt da, wo der Kurfürstendamm zur Tauentzienstraße wird. Wer sich draußen um die eigene Achse dreht, erkennt: Der Breitscheidtplatz wirkt wie ein Ort voll einzelner Puzzlestücke, die nicht richtig ineinander greifen können, weil die passenden Verbindungsteile fehlen. Auch deshalb, weil sich nie um sie bemüht wurde. Das Europa Center, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der Weltkugelbrunnen. Das Faszinierende daran: Es funktioniert trotzdem. Vielleicht gerade weil die Draufsicht irritiert? Denn Irritation erzeugt ja Inhalt.

 

Und Reibung. Immerhin grenzt sich der Platz ab vom Erwartbaren, das sich drumherum ballt. Nicht weit das KaDeWe, das vom niederländischen Architekten Rem Koolhaas umgebaut wurde. Das Waldorf Astoria, ein Hotel, das jede Horizontale überragt. Der Zoo Palast, ein Traditionskino, das vor drei Jahren renoviert wurde. Direkt gegenüber des Centers das Bikini-Haus, auch ein denkmalgeschütztes Einkaufszentrum. Nur hier eben das Gewohnte der Gegenwart: klare Formen, skandinavisches Design, Cashmere, Hummus, Kaffee mit Sojamilch. Wohl der krasseste Aufprall vom Gestern auf das Heute.

 

Damals in den 60er-Jahren, als das Europa Center vom Investor Karl Heinz Pepper in Auftrag gegeben wurde, war die Idee, ein Zeichen für die Lebensfähigkeit West-Berlins nach amerikanischem Vorbild zu setzen. Aufbruch! Zuversicht! Lebenswille! Hinter dem Kernbau deutet der Turm mit dem sich um die eigene Achse drehenden Mercedes Sterns auf dem Dach dieses vergangene Gefühl noch an. Wie eine Trophäe für Fortschritt und Konsum thront er da oben noch immer. Der Komplex war mal das höchste Haus mit seinen 103 Metern. Dann wurde der Potsdamer Platz bebaut.

 

Trotz Läden wie Saturn, Nike und Tchibo, die Modernität symbolisieren, ist der Anblick noch immer derselbe seit Eröffnung. Von der Zeit überholt? Da waren Mauerfall, Wiedervereinigung, Millenium. Wieso bewegte sich das Center nicht mehr? Und das, obwohl die Namensgeber von damals deutlich machen wollten, dass es ab jetzt nur noch vorangeht. Nun verdeutlicht allein noch der Kompass aus Marmor, der in den Boden im Erdgeschoss eingelassen ist, Zusammenhalt und Internationalität.

 

Das Europa Center ist damit wie ein zeitliches Vakuum, in dem alles stillsteht. Die einzige Symbiose mit der Realität ist das meterhohe Gebilde aus transparenten Kugeln in der Mitte der Halle, in das man unweigerlich hineinläuft, wenn man das Gebäude betritt. Neongelbe Flüssigkeit läuft durch das Kunstwerk, das sich über die drei offenen Etagen erstreckt. Die Augen folgen bis sie verstehen: Der Flüssigkeitsstand gibt der Zeit ein Gesicht. Die „Uhr der fließenden Zeit” zeigt den Ablauf von Minuten und Stunden im Zwölf-Stunden-Takt. „Hallo“ an das Jetzt da draußen.

 

Im Jetzt des Centers leuchten einem im Untergeschoss blaue Neonröhren stumpf den Weg zum Laden mit “Herr der Ringe”-Modellfiguren. Die Reklame vom Irish Pub blinkt in irischem Grün. Im Lokal nebenan trinkt man schon Bier mit Blick in die düstere Halle. Draußen scheint die Sonne. Direkt gegenüber starren drei amerikanisch anmutende Pappfiguren aus dem Waffenladen lächelnd ins Leere. In den Händen, nach vorne zielend, ihre Knarren.

 

Das Europa Center bündelt die Überreste einer gewissen Großstadtskurrilität, hält ganz seltsam seine Daseinsberechtigung unaufgeregt bei. Authentizität siegt über Ästhetik und Vertrautes über Veränderung. Am Ende muss also nicht immer alles mitwachsen, um ein berechtigter Protagonist zu bleiben. Jede Stadt braucht kurze Momente der Ruhe, einen Ort, der Menschen irgendwie vertraut ist inmitten all dem Wandel. Nostalgie. Es ist wie der Blick auf die geschmacklose Provinzkirmes, die einen gruselt und doch fehlen würde, wenn sie nicht mehr da wäre. Stillschweigend integriert in die Sehgewohnheit der Stadt ist da nur noch lautlos die Akzeptanz.

 

 

 

 

 

Fotos: Ricarda Messner

DAS WETTER, #12, JUNI 2017

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