PAULINA CZIENSKOWSKI

 

JOURNALISTIN & AUTORIN

IL PARADISO

JOANA AVILLEZ

Joana Avillez ist in New York aufgewachsen. So wie viele in dieser Stadt hat auch sie Wurzeln anderswo. Ihre Mutter ist halb Französin, ihr Vater war Portugiese. Nicht jeder hat auch zwangsläufig eine direkte Verbindung zum jeweiligen Heimatland der Eltern. Avillez’ Verhältnis zu diesem Land in Europa? Auch nicht immer ein ganz klares.

 

Die 30-Jährige ist Illustratorin und lebt im Stadtteil Tribeca in New York. Zuletzt hat sie eine Ausstellung mit dem Titel „Lisbon Diary“ gezeigt. Auf vielen der Zeichnungen, die alle in Lissabon entstanden sind, sieht man die typischen blau-weiße gemusterten Kacheln, die das Bild in Portugal prägen. „Azulejos“ bedeutet Fliesen, das erste Wort darin: „azul“ heißt blau.

 

Wo bist du Zuhause?

In New York, dort bin ich aufgewachsen. Aber, und das klingt jetzt furchtbar kitschig: mein Herz schlägt in Portugal. Das war aber Langezeit anders.

 

Was hat sich verändert?

Mein Vater war Portugiese und ist in den 70er-Jahren nach New York ausgewandert. Das war auch eine Art Flucht für ihn. Nachdem er in den 60er-Jahren im Portugiesischen Kolonialkrieg an der Afrikanischen Küste kämpfen musste, kam er hoch traumatisiert zurück. Davon wollte er weg, beschloss Künstler zu werden. Das war im freien und vernetzten New York natürlich deutlich einfacher, einmal quer über den Atlantischen Ozean. Er hoffte darauf, sich mit jungen Kreativen befruchten zu können, mit einer Szene, die es in Portugal so gar nicht gab. Als ich alt genug war, habe ich immer seinen unterschwelligen Groll gegen seine Heimat gespürt. Ich denke, das habe ich irgendwie übernommen. Mein Vater und ich standen uns sehr nah.

 

Was ist mit ihrem Vater passiert?

Vor etwa dreieinhalb Jahren ist er gestorben. Er hatte ein starkes Alkoholproblem. Das kam durch seine Posttraumatischen Belastungsstörungen. Wir haben ihn, da war ich 16 Jahre alt, in ein betreutes Wohnen in Portugal gegeben. Da litt er bereits an Hirnschäden. Meine Mutter fand, es sei wichtig, dass er bei dem größeren Teil seiner Familie sei, obwohl wir natürlich nicht damit gerechnet hatten, dass er dort auch bis zum Schluss bleiben werde. Wir dachten mehr an eine vorübergehende Lösung. Diese Zeit war furchtbar. Auch für mich und Portugal wurde damit zu einem von mir gehassten Ort. Immer wenn ich hin bin, um ihn zu besuchen, habe ich gefühlt 30 Bücher in fünf Tagen gelesen, nur um mit den Gedanken und meinem Geist woanders sein zu können. Er hatte Schmerzen und war nicht mehr so, wie ich ihn kannte. Wegen dieser negativen Assoziationen war es für mich lange kein Ort, an dem ich gerne Zeit verbrachte.

 

War sein Tod wie eine Erlösung vom Fluch, der für ihn und auch sie auf diesem Land lag?

Seitdem fühle ich mich jedenfalls verbundener dazu, als ich es je war. Wahrscheinlich auch, weil mich nun alles dort an ihn erinnert, an den Vater, der er war. Sogar die Türklinken. Aber auch seine Zeichnungen, die stark vom Bild der 60er-Jahre in Lissabon geprägt sind. Wenn ich da bin, erkenne ich viel davon im Stadtbild wieder.

 

Wann warst du das letzte Mal dort?

Im vergangenen Sommer. Als Kind waren wir da oft im Urlaub. Damals war ich aber sehr schüchtern, was ich in New York in meinem gewohnten Umfeld nie war. Das lag wohl auch daran, weil ich die Sprache nur spärlich beherrschte. Bis heute übrigens. Mein Vater hat mir nie Portugiesisch beigebracht. Wahrscheinlich war auch das eine intuitive Abgrenzung vom Erlebten für ihn. Meine Mutter ist halb Französin – wenn meine Eltern mal etwas besprechen mussten, von dem ich nichts mitbekommen sollte, taten sie das in der Sprache. Deshalb kann ich sie fast besser als die meines Vaters.

 

Joana Avillez’ Mutter ist die erfolgreiche Fotografin und Malerin Gwenn Thomas. Ihr Vater, Martim Avillez, war lange Illustrator, bis Joana zur Welt kam. Danach wurde er Verleger. Trotzdem blieb der künstlerische Einfluss von ihm – wenn immer sie wollte, zeichneten sie zusammen. Wie ihm wird auch ihr nachgesagt, einen stark europäischen Stil zu haben. Seine Zeichnungen lagert Joana Avillez in ihrem Apartment im New Yorker Stadtteil Tribeca. Hier hat früher auch ihr Vater gelebt. Die Loft ist damit so etwas wie ein Familienarchiv – Dinge von ihm, ihr und ihrer Großmutter sind alle zusammen gemixt.

 

Bist du auf der Suche nach deinen Wurzeln?

Es reizt mich heute natürlich sehr, mein eigenes Portugal zu finden. Ohne meinen Vater, der ja nicht wirklich etwas mit dem Land zu tun haben wollte und deshalb vieles von mir fern hielt. Ich habe im Nachgang das Gefühl, ich muss es nun noch mal für mich entdecken. Wenn ich heute da bin, fühlt sich alles ganz anders an als zuvor: voller Licht und Liebe. Und alles strahlt eine besondere Schönheit aus. Selbst das Essen! Die Straßen! Diese spezielle Dunkelheit in der Nacht!

 

Du hattest im vergangenen Jahr eine Ausstellung mit dem Titel „Lisbon Diary“ in einer New Yorker Galerie – spiegeln die Illustrationen die Besonderheit für dich wider?

Alle Zeichnungen sind erst nach dem Tod meines Vaters entstanden. Vorher wäre das nie möglich gewesen. Da hatte ich zwar auch immer schon gezeichnet, wenn ich da war – das mache ich immer auf Reisen. Aber jedes Mal, wenn ich nach Hause zurück kam, hatte ich davon alles wieder vergessen, auch das Gefühl, das ich vor Ort hatte. Weil ich es so gewohnt war – Portugal war in New York kein Thema. Ich glaube nicht, dass Kunst eine Form von Therapie sein sollte, aber ich hatte nun durch meine Illustrationen schon das Gefühl, mich meiner Herkunft zu nähern, Frieden mit ihr zu schließen vielleicht.

 

Gibt es eine Zeichnung, die das besonders stark für dich ausdrückt?

Viele Dinge, die ich zeichne, möchte ich regelrecht besitzen und nie verkaufen müssen, weil sie mir besonders nah stehen. Meine Galeristin muss mich jedes Mal fast schon überreden. (lacht) Tatsächlich habe ich mich bei der Frau im Café einer Seitenstraße, die alleine Sardinen isst und dabei raucht, durchgesetzt. Sie hat einen mürrischen Gesichtsausdruck, während sie da sitzt. Das Bild drückt für mich etwas typisch Portugiesisches aus, dieses Wort, das sich nicht richtig übersetzen lässt: „Saudade“. Es heißt so viel wie Weltschmerz und ist mehr ein Konzept als ein Gefühl.

 

Das Konzept von „Saudade“ lässt sich mit Traurigkeit, Wehmut, Sehnsucht, Fernweh, mit sanfter Melancholie nur annähernd übersetzen. Es steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es einfach nicht wiederkehren wird.

 

Bist du die Frau?

Zumindest denke ich, „saudade“ in mir zu tragen. Hätte ich es verkauft, wäre damit ein Stück von mir gegangen. Auch in der traditionellen Musikrichtung Fado spielt „saudade“ eine Rolle. Mein Vater mochte die nie, weil alles so leidend ist darin – ‚niemand wird mich retten, ich werde hoffnungslos verenden‘… (lacht) Dem amerikanischen Geist ist diese Haltung völlig fremd. Amerikaner sind so viel selbstsicherer, zumindest nach außen hin, immer optimistisch, jeder feiert sich selbst immer als Helden, ob berechtigt oder nicht. Erst neulich hatte meine portugiesische Cousine Rita ein Vorstellungsgespräch und war zuvor sehr unsicher. Ich habe versucht, sie mit meiner amerikanischen Euphorie aufzubauen. Sie hat das gar nicht überzeugt. (lacht)

 

Was ist Portugal noch für dich?

Familie. Ich bin Einzelkind. Mein Vater dagegen war eines von sechs Kindern. Ich bin das 18. Enkelkind meiner Oma, habe 32 Cousinen, die jünger sind als ich. Wenn ich da bin, dann bin ich nur ein Teil von diesem riesigen familiären Kosmos. In Amerika habe ich gerade mal meine Mutter, eine Tante, zwei Cousinen und das wars. Als ich meinen 30. Geburtstag im Sommer in Lissabon gefeiert habe, gab es ein Essen mit etwa 40 Familienmitgliedern. Für sie alle ist so eine Zusammenkunft völlig normal, für mich war das etwas sehr Besonderes. Mir wurde klar, wie krass es ist, dass ich mit all diesen Leuten hier am Tisch in irgendeiner Form verwandt bin. Einmal quer durch die Generationen: von der 82-Jährigen bis zum zwei Monate alten Baby.

 

Hast du mit jedem von ihnen zu tun?

Ich weiß noch nicht mal so genau, wie viele zu der Familie gehören. Es sind sicher über Hundert. Heute hat ja fast jeder Facebook, manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es nur deshalb habe, damit ich sehen kann, was sie machen, wie es ihnen geht.

 

Lebt man in Portugal traditioneller?

In gewisser Weise schon, zumindest familiärer. Jeder gibt aufeinander Acht, hilft sich gegenseitig aus, stellt einander in der Firma ein, passt auf die Kinder des anderen auf. Es ist alles sehr eng, was natürlich auch einschränkt. Meine Cousine erklärte mir neulich, dass sie sich darin oft gefangen fühle. Ich denke, auch das war ein Punkt, wieso mein Vater damals gegangen ist. Er wollte mehr Freiheit in seinem Leben. Ich genieße diese familiäre Nähe sehr, wenn ich da bin. Aber ich bekomme ja auch immer nur eine gewisse Dosis davon ab. Mein alltägliches Leben führe ich woanders und deutlich befreiter. Das ist auch echt okay so.

 

Martim Avillez schien sich in vielerlei Hinsicht von der Heimat zu emanzipieren: Als Verleger gab er unter anderem ein eigenes Magazin heraus. Jedes Heft war monothematisch und wechselnde Autoren schrieben dafür. Der Titel: „Lusitania“. Portugal und spanische Provinzen hießen zur Zeit des Kaiserreichs Lusitania. Das Logo des Magazins war das Schiff mit selbem Namen, das im Ersten Weltkrieg gesunken war. Seine portugiesische Familie, glaubt Joana heute, habe diese symbolische Anspielung nicht so besonders gut gefunden. Immerhin zeigt es ein Portugal, das sinkt…

 

Hast du portugiesische Eigenschaften?

In New York sagen mir viele Menschen, ich würde nicht sonderlich amerikanisch wirken. Bis ich 20 Jahre alt war, wusste ich zum Beispiel nicht, wer Bruce Springsteen ist. Damit will ich sagen, dass es sehr viele typisch amerikanische Dinge gibt, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Wenn ich aber in Portugal bin, fühle ich mich wiederum sehr amerikanisch im Gegensatz zum Rest meiner Familie dort. Mit der Kultur bin ich so oder so irgendwie verbunden. Obwohl mich das Offensichtliche natürlich verrät – meine blonden Haare… (lacht) Ich denke, es ist mehr etwas Intuitives, was sich nicht ganz eindeutig erklären lässt. Mein Vater übrigens war portugiesischer, als es ihm lieb war.

 

Woran hat man das gemerkt?

Am Humor zum Beispiel. Das könnte tatsächlich ein konkreter Punkt auch bei mir sein: Meine portugiesische Familie sagte mir mal, dass ich diese spezielle Art, witzig zu sein, auch hätte.

 

Und die ist wie?

Auch nur sehr schwer zu definieren. Vielleicht eine Mischung aus sarkastisch, provokant und herzlich. Man lacht über sich selbst und auch manchmal übereinander, ohne dabei boshaft zu sein. Mein Vater sagte immer zu mir: ‚Du bist meine Lieblingstochter.‘ Gelogen ist das ja nicht, aber ich war eben sein einziges Kind. (lacht) Typisch ist es übrigens auch, immer einen Witz in schwierigen Situationen zu machen.

 

Hat sich Portugal über die Jahre verändert?

Nach dem Krieg gab es noch viel Faschismus im Land und eine gewisse Trauer, die ich als Kind stark spüren konnte. Auch deshalb wollte ich oft gar nicht erst hin. Depressives hing da in der Luft. Das hat sich auf jeden Fall verändert. Mittlerweile reisen ja auch immer mehr dort hin, während das Land auf manche lange irgendwie beliebig wirkte. Bis vor zwei Jahren wurde ich sogar och gefragt, ob Portugal eine Insel von Spanien sei. Aber vielleicht ist dieses fehlerhafte Lokalisieren von allem außerhalb der USA auch ein amerikanisches Problem. (lacht) Nun heißt es jedenfalls, Lissabon sei das neue Berlin. Wegen der Finanzkrise ist es zusätzlich sehr günstig, was wohl auch ein Grund dafür ist, schätze ich.

 

Was bedeutet Portugal in der Welt?

Es ist das Ende Europas. Ich glaube, Portugal ist etwa so wie der letzte Stein, unter den noch nicht geschaut wurde. Es gibt noch unentdeckte Ecken dort und vieles fühlt sich konserviert an. Obwohl es natürlich auch nicht für immer so bleiben wird, das ist klar. Wenn es, wie man gerade spürt, der Liebling des Moments bleibt, wird Lissabon in einigen Jahren sicher genau so gentrifiziert sein wie alle anderen coolen Städte mit Potenzial.

 

Was denkst du über portugiesische Frauen?

Viele sind dort deutlich traditioneller und irgendwie auch konservativer gepolt. Zum Beispiel sieht man das an meinen Tanten, richtige Vollweiber. Sie sind zuhause geblieben, haben den Haushalt geschmissen und die Kinder großgezogen. Das bedeutet natürlich auch, dass sie eigene Dinge nie wirklich verfolgen konnten, wie meine Mutter, die richtig Karriere gemacht hat. Ich denke aber auch, dass sich vieles auch durch die Generationen hinweg verändert, mehr noch als überall anders. All meine jüngeren Cousins und Cousinen sind nur wenig traditionell oder religiös wie ich – eine davon hat für eine Weile in Afghanistan gelebt.

 

Avillez ist mit Menschen wie Lena Dunham aufgewachsen – Ikonen des modernen Feminismus’. Sie alle haben Künstlereltern und sind im modernen New York als emanzipierte Frauen erwachsen geworden.

 

Gibt es in Portugal feministische Bewegungen?

Das weiß ich nicht genau. Aber ich hoffe schon. Ausgangspunkt dafür sind da aber sicher nur die jungen Leute.

 

Gibt es etwas, das du nur in New York kannst?

Lauter sein als in Lissabon. Wenn ich zurückkomme, ist es manchmal so, als sei in mir ganz viel aufgestaut. Aber vielleicht ist das auch, weil ich mich dort nicht so gut ausdrücken kann wie im Englischen. In Portugal kann ich auch nicht mal so richtig unangenehm und unausstehlich sein (lacht) – dafür gibt es dort einfach keinen Platz.

 

 

Titelfoto: Stefanie Moshammer

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