PAULINA CZIENSKOWSKI

 

JOURNALISTIN & AUTORIN

Ich bin hier gefangen. Diese Pose, so unbequem. Sexy sein ist echt nicht immer so simpel, wie man glaubt. Schau doch mal, wie krumm mein Körper hier jetzt kauert. Alles verdreht. Wirbelsäule, Kopf, Bein. Eigentlich widert es mich an. Ich widere mich an. Wie ich mich hier räkle. Und dieser leidende Blick. Mein ewig leidender Manga-Girl-Blick. Große, traurige Augen. Dieser kleine puppenhafte Mund. So infantil.

 

Dabei sehe ich doch nur unglaublich ordinär aus, oder, so im Gesamten? Schau mal, man sieht direkt in meinen Schritt, meine Vulva, wie sie sich unter dem Stückchen Unterhose hier abzeichnet. Meine gepushten Brüste. Durch meine Haltung wirken sie größer als sie sind. Provokativ.

 

Eigentlich toll, ich meine, Provokation an sich. Aber ich fühle mich dabei nun so elendig klischeehaft. Und gar nicht besonders, nur austauschbar. Ich könnte jede andere Frau sein, die ihre Beine ein wenig geöffnet hält und wie eine Lolita Richtung Betrachter blickt, so von unten nach oben. Wir sagen: Schau mich an! Und im selben Moment zieren wir uns in unserer kindlichen Exaltiertheit. Wir glauben, das zieht. Tut es ja auch irgendwie.

 

Aber ich will doch besonders sein, ein Unikat, eines, das irgendwo unerwartet auf dem Meeresgrund entdeckt wurde und in einer Vitrine auf einem kleinen Podest thront. Für immer so, für immer da. Und alle bestaunen das, was ich bin. Auch deshalb, weil mich ja niemand haben kann, einfach so. Und niemand sein kann wie ich, einfach so. Stattdessen sehe ich irgendwie billig aus. Kommerzialisiert. Ich bin Konsum. Eklig. Mitten drin bin ich, genau hier, jetzt. Gefangen.

 

Und dann auch noch dieses Teil da in meinem Rücken. Der Hintergrund, an dem ich lehne. Eigentlich der einzige Grund, weshalb ich es in dieser Haltung überhaupt so lange aushalten kann. Also, danke. Das ist Schweinehaut, die mich da stützt. Siehst du die feinen Härchen, die da oben am Rand abstehen? Bah! Ja, stimmt schon, irgendwie auch faszinierend, weil es so brachial real ist, mal lebendig war, so wie ich. Schau nur! Und jetzt puste, damit sie sich bewegen, die feinen Borsten da. Hihihi. Das kitzelt.

 

Diese Haut hat einem Tier als Schutz gedient, als es noch in einem Stall voller Matsch stand, irgendwo in Peking. Hat sein Innerstes umhüllt, stell dir das mal vor! Wurde tätowiert und dann geschlachtet, als es dick und fett und reif war. Welcher gierige Mensch sich wohl das gebratene Fleisch in seinen Mund gestopft hat? Wessen dichte Kauleisten wohl die feinen Sehnen, das Gewebe durchbissen hat? Alles runtergeschlungen, bis nur noch der Teil davon auf dem Teller blieb, der aus seiner Sicht in den Müll gehört. Abfall halt. Na und. Konsum halt. Na und.

 

Nur die Haut existiert noch. Ist ja das größte Organ von Tier und Mensch. Bevor geschlachtet wurde, waren wir also schon auf ewig miteinander verbunden, gezwungenermaßen. Mich jedenfalls hat niemand gefragt, das Tier auch nicht. Nun also zwei arme, leblose Schweine. Gefangen.

 

Und überall sind diese Buchstaben, ich sehe sie links und rechts, wenn ich nach hinten schiele und meinen Kopf nur wenige Zentimeter zaghaft in eine Richtung drehe. LV LV LV. Bla bla bla. Louis Vuitton Louis Vuitton Louis Vuitton. Schmischmaschmu. Louis. Schau mal, wie ich es ausspreche. Siehst du, wie ich meine Lippen dabei spitze? Sieh doch her, ich lasse das S bei Louis stumm und schiebe so ein halb stummes H zwischen das U und das I. Lou-h-i. Sprich mir nach! Ich deute es nur an, das H, so hört es sich sinnlich an, finde ich. Und ich sehe auch sexy aus dabei, oder nicht? Hör zu, hör zu! Lou-h-i.

 

Oh Mann, jetzt mache ich da schon wieder mit! Dabei ist das doch reinster Schwachsinn. Das ist alles bekloppt. Also: Was mache ich denn nun hier? Irgendwie bin ich zur Karikatur meiner selbst geworden. Dieses ganze Manga-Ding bedeutet ja auch nur Konsum, irgendwie. Dabei wollte ich doch bloß anders sein. Anders als die anderen, die Masse, die ist ja größtenteils auch einfach unterirdisch blöde. Stattdessen pose ich unermüdlich, mit diesem einen verdrehten Bein und meiner Vulva im Zentrum, die sich unter meiner Unterhose abzeichnet. Auch unterirdisch bekloppt, ja ja. Habe mir da nun eine Rolle selbst auferlegt, die ich durchziehen muss, egal wie. Ich wollte eigentlich immer nur zeigen, wer ich wirklich bin. Und ich bin halt – hmm – warte mal. Das weiß ich ja gar nicht. Bin ich das hier? Dieses Manga Girl? Girl – schon das Wort … Ich bin doch kein Girl! Oder doch? Vielleicht eine Frau? Aber Frauen müssen ja schon wissen, wer sie sind und wie sie sein wollen. Sagt man doch immer. Und das weiß ich noch nicht über mich, ganz ehrlich nicht.

 

Als ich noch frei war, noch nicht gefangen, als ich mit einer Freundin im Bett lag, da habe ich mich kurz wahrhaftig gefühlt. Ich glaube ja, das ist entscheidend. Sein können, wer man ist, ohne nachdenken zu müssen. So im Bett sehe ich dann anders aus. Also schon auch sexy. Vor allem am frühen Morgen, wenn alles im Gesicht ein bisschen praller wirkt. Angeschwollen von der Nacht, weil ich so viel tue, wenn ich schlafe. Mehr als andere, ganz sicher. Schwitzen zum Beispiel. Deshalb glänzt meine Haut dann immer so im Tageslicht. Und reden. Ich rede ganz viel. Und knirschen, wie wahnsinnig malme ich meine Zähne aufeinander. Naja.

 

Wir lagen jedenfalls so da, ich mit meinem Kopf am Fußende, sie oben, diagonal auf der Matratze, beide parallel zueinander. Und zusammen unter einer Decke. Ich hatte mein eines Bein auf die Decke gelegt, mir war warm, obwohl es draußen regnete und Luft durch das geöffnete Fenster kam. Die gemusterte Bettwäsche mit feinen Linien hat irgendwie meinen Sehsinn aus dem Gleichgewicht gebracht. Mir wurde schwindelig. Und dann noch diese Verwirrung vom Oben und Unten ihres Gesichts. Ihre Augen zwei Münder, ihr Mund ein mandelförmiges Auge. Ein Zyklop. Wusste gar nicht mehr, wo genau ich denn hingucken sollte. Dann habe ich die Augen einfach zugemacht, blind gesprochen und blind ihrer Stimme gelauscht.

 

Mmmh, wie schön. Ich mag ihre Stimme und ich mag das, was sie sagt. Weil sie so klug ist und mich nicht verurteilt, obwohl ich nicht so klug bin – zumindest dachte ich das immer wieder, während wir geredet haben. Es war noch früh, sechs Uhr. Das ist toll, dieses Gefühl, schon ganz klar im Kopf zu sein, wenn der größte Teil der Menschheit schläft. Wie viele Dinge man da durchdenken kann, während andere noch besinnungslos im Koma liegen.

 

Du bist so weich und trotzdem drahtig, hat sie mir plötzlich gesagt, meine Freundin. Da habe ich die Augen dann wieder geöffnet. Hab bemerkt, wie sie mich ansieht, wie sie mich beobachtet. Kein gieriger Blick. Eher ein würdigender, ein wertschätzender. Danke, habe ich nur herausbekommen. War mir irgendwie unangenehm. Weißt du wieso? Weil diese oberflächliche Beobachtung meiner bloßen Körperlichkeit plötzlich so nah an mir dran war, also so wirklich nah an mir. Nicht nur projiziert auf meine Erscheinung als Konsumobjekt.

 

Weil sie meinen Atem gehört hat, das Blut unter meiner Haut an dem freigelegten Bein hat pulsieren sehen, meine Halsschlagader, wie sie leicht ausschlägt. So weit weg von all dem, was mich jetzt umgibt. Ich war mehr als diese Hülle hier. Und doch auch sexy. Aber nicht, weil ich es wollte, oder musste. Ich lag ja nur so da, halb entblößt und vollkommen entspannt. Nun bin ich Teil dieser stumpfen Welt, manifestiert in meiner Pose. Trage diesen elendigen Manga-Girl-Blick. Und muss jetzt so bleiben, für immer. Bin nur ein austauschbares, hohles Objekt auf der Haut irgendeines unwissenden Schweins, das mal genau so lebendig war wie ich. Vielleicht sogar lebendiger.

 

© 2019

"MANGA GIRL"

BLOCK MAGAZIN

2019