PAULINA CZIENSKOWSKI

 

JOURNALISTIN & AUTORIN

DAS WETTER, AUSGABE #10, SEPTEMBER 2016

MILLIARDEN

Jeder von ihnen hat sich nach langem Abwägen nun eine Droge ausgesucht. Philip Pilze, Ben und Findan Heroin, Florian und Johannes Koks. Von Heroin, meint Johannes in ziemlich wissenschaftlichem Ton, würde man zu früh sterben. Okay. Nächste Frage: „Wenn du dich entscheiden müsstest: Wärst du lieber derjenige, der den ganzen Tag über in einem Büro Drohnen fernsteuert oder der, der im Kampfjet direkt eine Bombe abfeuert?“

 

Darf ich vorstellen: Die Jungs der Band Milliarden auf der Autobahn. Auf Fahrten wie dieser vertreiben sie sich gerne die Zeit mit solchen merkwürdigen Fragen, an deren Anfang jedes Mal die unumgängliche Bedingung „wenn du dich entscheiden müsstest“ steht. An diesem Samstag sind sie unterwegs nach Solingen. 540 Kilometer von Berlin entfernt, da wo sie Zuhause sind.

 

Während man ihnen bei ihren Gesprächen im Bandbus so zuhört, könnte man meinen, sie seien verrückt. Aber auf eine liebevolle Weise. Weil sie wirken wie kleine Kinder, die sich haltlos in fiktive Situationen reinsteigern, manchmal sogar über Minuten hinweg überlegen und abwägen, für welche Antwort sie sich nun entscheiden. Sie diskutieren alles durch, als wäre es so eine Frage wie vor etwa drei Jahren: Majorlabel – ja oder nein?

 

Die Bandgründer Ben und Johannes stimmten damals für ja und suchten sich dann ihre Musiker zusammen für die Band, die Rock, Pop und irgendwie auch Punk miteinander mischt. Manchmal mit Bens Gesang an Rio Reiser erinnert. Johannes spielt Keyboard, Findan Schlagzeug, Philip Bass und Florian Gitarre. Seitdem gibt es kaum mehr Pausen vom Musikmachen und auch kaum mehr eine voneinander. Probe, Auftritt, Autobahn, Auftritt, Videodreh, Probe, Autobahn, Auftritt.

 

Man steckt in einer Dauerschleife, bei der man den Anfang nur noch dunkel erinnert, weil man so tief im Jetzt steckt. Und das Ende? Ja. Das gibt es nicht. Denn Erfolg haben, das ist ein relativer Zustand. Auch wenn im Radio heute ihre Lieder laufen, sie zu Festivals eingeladen werden und Interviews geben. Es geht ja immer noch mehr. Da gibt es noch immer Tausende, die noch nichts von ihnen gehört haben, welche, deren Aufmerksamkeit sie gerne hätten. Also schnell weiter.

 

Deshalb also diese Höllenwege genau dahin, wo man neue Fans gewinnen kann. Und das kann überall sein. Abgrasen, was geht. Die Leute wie Magneten anziehen, bis sie nicht mehr loslassen. Verkäufe, Likes, Fangemeinden. Alles muss wachsen. Das tut es. Dafür verbringen sie oft mehr Zeit auf Deutschlands Autobahnen als in der jeweiligen Stadt selbst. Trebur, Cuxhaven, Dangast. Viel Provinz, häufig zu Festivals, von denen man außerhalb der Stadtgrenzen nie gehört hat, aber auch zu großen, wo lauthals mitgesungen wird. Seit anderthalb Jahren geht das jetzt so.

 

Solingen, 16 Uhr. Wenn man nach stundenlanger Fahrt das Ziel erreicht, dann will man schnell raus aus dem Wagen, sich die Beine vertreten. Nur weiß nun hier gerade niemand, wo man den Bus abstellen darf. Ben muss auf Toilette, aber die Schlange vor den Dixiklos ist entspannte zwanzig Meter lang. Sie müssen warten. Wie immer eigentlich. Auf den Soundcheck, den Auftritt, das Ende. Die verschiedenen Beats, die vom kleinen Festivalgelände der Stadt dringen, mischen sich im Ohr und sind so dumpf, dass sie die Eingeweide vibrieren lassen. Findan und Johannes tänzeln auf der Straße herum, wie zwei Idioten, die gerade aus der Klapsmühle entlassen wurden.

 

Die Laune bleibt gut. Auch dann noch, als sie das gefühlt 200-teilige Equipment irgendwann über den vom Regen aufgeweichten Rasen zwischen den sichtlich angesschwipsten Besuchern hinter die Bühne hieven. Highclassstyle, sagt Ben, was ist das für 1 life?! Ein Packer wäre schon geil. Stattdessen gibt es Salat und Erdnussflips im abgetrennten Backstagebereich, während sie wieder warten.

 

Bitte nimm ein Bier, hofft Findan heimlich, als Johannes zur Bar geht. Er will nicht der Erste mit Bierdurst sein. Es ist halb sieben, schon okay die Zeit. Johannes kommt mit einer Flasche zurück. Prost. Auch wenn das hier ihr Job ist, fühlt es sich für die Mitte, Ende Zwanzigjährigen immer auch ein stückweit nach Klassenfahrt an. Und das sind ja bekanntermaßen die prägendsten Phasen, in denen sich mikrososmosartige Gebilde entwickeln. Entstanden ist dabei die Milliarden-Quatschsprache. Nicht zitierfähig, irgendetwas ohne Endungen.

 

Manch einen kann das auch irrtieren, aber am Ende finden ihre Fans genau das so gut. Diese unprätentiöse Art. Außderdem ist da ihr Talent, bedingungslos mit allen zu flirten. Ältere Damen, Teenies, Kerle. Sie geben jedem das Gefühl, eine ganz besondere Ebene mit demjenigen zu haben. Und nach den meisten ihrer Auftritte nehmen sie sich genau dafür Zeit, für persönliche Gespräche.

 

Klassenfahrten sind immer intensiv, auch der Blues danach Zuhause. Nur kennt diesen Entzug Milliarden gar nicht. Ihre Einheit besteht ja pausenlos. In den vergangenen drei Jahren haben sie einander kennengelernt, wie wenig Menschen sonst in ihrem Umfeld. Dann wenn sie die Angst überfällt, die Nerven dünn und sie überdreht sind. Sie kennen sich wütend, mit Schlafmangel oder Liebeskummer, mit Kater und Verstopfungen.

 

Aus Freunden ist damit Ersatzfamilie geworden. Und das bedeutet, einander zu akzeptieren. Großzügig, liberal. Milliarden funktioniert aber auch deshalb so gut, weil sie einander lieben und keine Angst davor haben, das du zeigen. Nicht so, wie man nun meinen könnte. Aber sie sind die Sorte Mann, die sich gerne umarmen. Keine Scham vor Emotionen.

 

So ein ungenierter Moment war zuletzt im Juni, als sie bei Rock am Ring spielen sollten. Rock im Park zwei Tage zuvor war schon ein grandioser Auftakt. Und dann sollte endlich das kommen, worauf sie sich schon seit einem Jahr gefreut hatten. Schließlich saßen sie am Morgen des Auftritts mit gepackten Instrumenten im Transporter zurück nach Berlin, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben, weil um drei Uhr nachts verkündet wurde, dass das Festival aufgrund nicht absehbarer Unwetter bis auf weiteres abgesagt ist. Tränen liefen, als sie bei unerwartet strahlendem Sonnenschein nach Hause fahren mussten.

 

2015 war ähnlich magisch, wie Rock am Ring hätte werden können. Als Vorband auf Tournee in einem Nightliner durchs ganze Land. Wochenlang. Das mit dem überdimensional großen Bus war ein Versehen, ein Upgrade, das so nicht geplant war. 14 Schlafkojen für die Band plus Busfahrer und Tonmann Urs, der sozusagen der Papa der Truppe ist. Es ist nicht so, dass sie nicht alleine klar kommen würden – bei Gott nicht. Aber jede Gruppe braucht ab und an so jemanden wie einen neutralen Anführer. Urs’ Entscheidungen werden nie hinterfragt. Das ist süß mit anzusehen, wenn die selbstbewussten Männer unkommentiert tun, was der kaum ältere anweist.

 

Nun ist es also so: Sie wissen schon in etwa, wie es ist, bekannt zu sein. Wie es ist, wenn eine Frau sich ihre Unterschriften auf den Unterarm tätowieren lässt, ihnen fremde Menschen Spitznamen geben, sich in sie verlieben. Auch wie es ist, wenn Hunderte im Publikum ihnen ein Geburtstagsständchen singen oder zwischen ihren Liedern ein Heiratsantrag gemacht wird. Und, auch, mit dem, was man liebt, Geld zu verdienen. Ein bisschen zumindest. Neben der Musik packen Ben und Johannes trotzdem in einer Halle in Reinickendorf Merchandise von Rammstein in eine Kiste und schicken sie in die Welt. Findan arbeitet bei einem Nachrichtensender und Philip als Kindergärtner. Diese Co-Existenzen holen sie immer wieder zurück ins “normale” Leben.

 

Es reicht eben noch nicht. Auch noch nicht, um die Dinge alleine zu entscheiden. Da sind all die anderen Menschen, die einem sagen, wo es langgeht. Die entweder an einen glauben oder nicht. Und selbst wenn das der Fall ist, stellt sich die Frage: Wann wird man das bemerken? Oder wird man das überhaupt, bevor es schon wieder vorbei ist? Das Wichtigste jetzt: Wie wird ihr Debütalbum ankommen? Sind sie mainstream genug? Oder genau das Besondere, worauf alle gewartet haben? Knallen, das muss es jedenfalls.

 

In der Presse heißt es: Milliarden sind im Grunde genommen Ben und Johannes, ein Duo. Stimmt prinzipiell. Sie sind Gründer und Songschreiber, diejenigen, die mit dem Management verhandeln, planen und organisieren. Auf der Bühne aber wirken sie gerade zu fünft so wuchtig. Gemeinsam bringen sie die Körper ihrer Zuhörer irgendwann dazu, sich im Takt hin und her zu werfen, dass ihre Haare fliegen und das Mitgrölen lauter wird. Dass Polonäsen gebildet werden und Stagediving von meterhohen Ballustraden gemacht werden. Der Tätowierte, der Langhaarige, der Schönling, der, auf den die Muttis fliegen – alles da, was man will.

 

Auf der Bühne bewegen sie sich auch an diesem Abend gewohnt organisch miteinander, so als hätten sie nie mit jemand anderem Musik gemacht. Die Aufregung in Solingen ist nicht so zermürbend wie häufig sonst. Aufs Stadtfest kommen die meisten nicht wegen der Musik sondern wegen des Suffs. Die Glatze von Florian wird trotzdem geküsst – das Ritual vor jedem Gig.

 

Die Lichter gehen an, das erste Lied. Ein Hallo, während das zweite schon angestimmt wird. Alles bei ihnen scheint intuitiv. Dabei war es bis hierhin harte Arbeit. Mit Videos ihrer Auftritte haben sie ausgewertet, wie sie besser werden können – Bewegungen, Zusammenspiel. Philip am Bass bewegt sich endlich, Findan gleicht The Animal von der Muppet Show, Ben hat an seinem twistigen Tanzstil bis zur Perfektion gefeilt und Johannes wildes Headbanging zu seinem Merkmal gemacht.

 

Vor allem Ben war der strenge Lehrer. Während seines Schauspielstudiums, wo er Johannes traf, lernte er, unerbittlich an sich zu feilen, um weiter voranzukommen. Immer wieder dasselbe proben, bis Silben und Bewegung mit Glaubwürdigkeit sitzen. Manchmal stresst seine Detailgenauigkeit. Natürlich kotzt man irgendwann, wenn man zum x-ten Mal dieselbe Stelle eines Lieds spielen muss und doch wieder gesagt bekommt: alles kacke!

 

Manchmal packte Ben der Ehrgeiz und auch das Gefühl, dass nicht alles nur in seinen Händen liegt, so sehr, dass er bei den Nachbesprechungen merklich ungeduldig wurde. Scharfe Sätze von allen Seiten, die schnell wieder vergessen sind. Das können sie, einander runterholen, genau so wie sie sich gegenseitig in ihren fantasiereichen Geschichten hochpeitschen, bis niemand mehr weiß, wo der Ausgangspunkt war.

 

Alles, was Ben bislang gemacht hat, wollte er jedes Mal so richtig durchziehen. Mit elf Jahren spielte er in der Jugendauswahl von Union Fußball. Nur war ihm das alles irgendwann zu brutal und prollig. Weil er so gerne Gitarre in einer Band spielen wollte, aber niemand singen wollte, fing er einfach selbst damit an. Und dann war da noch die Schauspielerei. Nun setzt er alles auf Musik, wo man sich vielleicht am verletztlichsten macht. Weil man alles von sich öffnet, all seine Kraft aufbringt und zu keinem Zeitpunkt aufgeben kann, bis die Show zu Ende ist. Egal welcher Widerhall einen überrollt.

 

Wenn man erzählt, sie seien bei einem Majorlabel gibt es viele bewundernde, aber oft auch bemitleidenswerte Blicke. Einige wissen davon, wie hinterhältig die Maschine sein kann. Sie hat so ihren Ruf. Gibt ja genug Geschichten, die man über Bands hört, die irgendwann blutarm im Nichts landen, nachdem sie kurz ganz oben waren. Ben aber will diese Maschine, die von ziemlich vielen Leuten bedient wird, nicht als Feind sehen – lieber als jemanden, der will, dass alles geil wird, sagt er. Irgendwann muss man beginnen, den Leuten zu vertrauen, bevor man sonst wirklich irre wird.

 

Dass gerade sie, deren Texte doch ziemlich anarchistisch geprägt sind, nun mittendrin stecken, ist doch etwas verrückt. Dabei wirkt schon ein iPhone in Bens Händen mit rot lackierten Nägeln kurz wie ein Fehler. Gerade weil er so gerne seine Wut auf den Kapitalismus in der Welt besingt, manchmal fast schon schreit. Da ist die Sehnsucht, sich nur mit Liebe durchs Leben bringen zu können. Der Wunschtraum nach einer Welt ohne Konsum und Angepasstheit, ohne Krieg. Raus aus der Gesellschaft, die ihn so anwidert, aus der man aber nur schwer fliehen kann. Immer ein bisschen so, als wäre Kapitalismus und Liebe ein feststehender Gegensatz, etwas das einander ausschließt. Milliardens Sätze lesen sich deshalb manchmal wie ein kitschiges Gedicht voller Rebellion. Solingen scheint es gerne zu hören, auch im Suff. Mal sehen, wie viel die Welt davon erträgt.

DAS WETTER, #10, SEPTEMBER 2016

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